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Von Zwergen und Meerjungfrauen – Studienfahrt nach und Austausch mit Warschau

30. Oktober 2026 | Auslandsaufenthalte, Erasmus+

Von Zwergen und Meerjungfrauen

Studienfahrt nach und Austausch mit Warschau – nicht nur mit märchenhaften Inhalten

Kurz vor den Herbstferien machte sich das Seminarfach „Europe“ begleitet von Frau Bräutigam und Herrn Tomhave im Rahmen der Studienfahrtwoche auf den Weg nach Polen, zunächst nach Breslau, dann nach Warschau um eine sehr sonnige und dichte Hinbegegnung mit den Schüler*innen der Partnerschule zu erleben, die finanziell vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk unterstützt wird.

Schon die Hinreise nach Breslau mit DB und PKN klappte ausgezeichnet und so konnte es sofort mit dem gemeinsamen Programm losgehen: Am ersten Abend verzauberte die Stadt gleich auf einer kleinen Oderfahrt zur Jahrhunderthalle im Sonnenuntergang. Bei der Konzerthalle, die noch vor dem Ersten Weltkrieg erbaut wurde und die zum Beispiel als Kulisse in einem „Tribute von Panem“ Film diente, wartete noch ein farbiges, vertontes Wasserspiel auf uns, bevor der Hunger nicht mehr auszuhalten war und die Teilnehmer*innen in die Innenstadt trieb.

An den folgenden Tagen ging es auf verschiedenen Führungen durch die Stadt in Schlesien vor allem um die wechselhafte Geschichte der Stadt, zunächst noch eher touristisch in der Altstadt, dann doch abseitiger, wenn im Stadtteil Nadodrze die Geschichte der „Festung Breslau“ – der irrsinnige Versuch des Stadtkommandanten die Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges auf jeden Fall zu halten – die folgende Zerstörung der Stadt, Vertreibung und Flucht der deutschen Bevölkerung und die Neubesiedlung durch die umgesiedelten Polen aus dem Osten – thematisiert wurde. Mittlerweile zeigt sich die jüngere Generation offener im Umgang mit der deutschen Geschichte der Stadt, während im Polen nach dem Krieg alle Hinweise auf diese Vergangenheit zunächst nach Möglichkeit getilgt wurden. In Nadodrze werden zum Beispiel bei den Sanierungen der Häuser mehr und mehr deutsche Spuren offengelegt und konserviert. Diese Geschichte wird auch im Geschichtszentrum Zajezdnia intensiv thematisiert. Hier konzentriert man sich auf die Geschichte der Stadt nach 1945 und in diesem Projekt, eröffnet 2016, in dem Jahr als Breslau Europäische Kulturhauptstadt war, geht man ebenfalls offen mit dem Erbe um.

Heute ist Wroclaw eine dynamische polnische Großstadt, die eine bezaubernde wiederaufgebaute Altstadt besitzt und die auch von unzähligen Zwergen bevölkert wird. Es sind bereits weit über 1000 und man trifft sie überall. Warum? Sie waren Zeichen der „Orangen Alternative“, einer Oppositionsbewegung, die in den 1980ern auf humorvolle Art und Weise den herrschenden Sozialismus kritisierte, und die heute zu einem der Wahrzeichen der Stadt geworden sind und etwa damit drohen Liebesschlösser, die gerne an der zur Kathedrale führenden Dombrücke angebracht wurden, gnadenlos zu entfernen.

Am Ende von zwei ereignisreichen Tagen, die auch dem gegenseitigen Kennenlernen dienten, hieß es dann den Transfer nach Warschau anzutreten und wir nahmen das warme sonnige Herbstwetter mit. In der Hauptstadt Polens wartete zunächst der herbstlich wunderschöne Łazienki-Park mit zahmen Eichhörnchen, seiner Chopin-Statue und seinen Schlössern des letzten polnischen Königs auf uns. Hier kann ein Blick auf die Geschichte der Metropole beginnen, die sehr wechselvoll war und ist, und die immer wieder deutsch-polnische Beziehungen spiegelt. Dies setzte sich natürlich fort bei dem Weg in die Altstadt, die, wie der größte Teil Warschaus, von den deutschen Besatzern 1944 fast vollständig vernichtet wurde als Reaktion auf den Warschauer Aufstand. Auf dem Marktplatz gibt es die erste Begegnung mit der Meerjungfrau, dem Symbol Warschaus. Die Geschichte dazu: Einst hatten die Bürger Warschaus sie aus den Fängen eines gierigen Fischers gerettet, sodass sie im Gegenzug versprach mit ihrem Schwert und Schild die Stadt zu schützen. Wenig überraschend: Sie trägt eine Armbinde der Armia Krajowa, das Kennzeichen der polnischen Untergrundarmee, in Erinnerung an den Aufstand der Warschauer gegen die Deutschen 1944.

Der Weg durch die Geschichte wurde durch einen Besuch im Museum der PRL, der Volksrepublik Polen, am „Platz der Verfassung“, einem Straßenzug, der als Musterbeispiel sozialistischen Bauens nach 1945 gilt, fortgesetzt. Das Museum zeigte nochmals die Tragik Polens: Nach dem Ende der Naziherrschaft begann das nächste totalitäre Regime seine Herrschaft, die erst 1989 endete. Typische Bestandteile dieser Herrschaft wie Terror, die Rolle der Partei, die gewaltsame Unterdrückung von Opposition und Propaganda stehen hier neben heute lustig anmutenden Spielzeugen, einem knallgelben Fiat Polski oder einer halbautomatischen Waschmaschine mit Handkurbel.

Bevor am letzten Tag eine intensive Beschäftigung mit dem jüdischen Leben in Polen und dem jüdischen Ghetto von 1940-1943 stattfand, eröffnete eine Wanderung entlang der Weichsel einen Blick auf das sehr moderne Warschau, symbolisiert durch das Nationalstadion am anderen Ufer. Während hier das alte Nationalstadion bis 2008 den größten, und wahrscheinlich auch unreguliertesten Freiluftmarkt Europas beherbergte, steht dort seit der EM 2012 das neue und hochmoderne Nationalstadion wie ein rot-weißes multifunktionales UFO.

Der Gang durch das Warschauer Ghetto, mit über 400.000 eingepferchten Menschen das größte, und die Führung im Polin, dem Museum des jüdischen Lebens in Polen, verdeutlichten hingegen erneut die Bedeutung der Geschichte für ein gemeinsames Zusammenleben in Europa basierend auf den Erfahrungen in der Zeit des Zweiten Weltkrieg. Das ehemalige Ghetto, heute Erinnerungslandschaft und Wohnort vieler Warschauer, ist an vielen Stellen erfahrbar und die Bedeutung der Erinnerung wächst scheinbar weiter, wie das demnächst eröffnende Museum zur Geschichte des Ghettos beweist. Nirgends in der Stadt ist die Aufforderung zu verhindern, dass Ausgrenzung und Hass Raum bekommen, deutlicher formuliert.

 

Was auch dazu gehörte: der Besuch einer typischen „Milchbar“ – eine Art Kantine, die zur Mittagszeit polnische Hausmannskost zu vertretbaren Preisen anbietet und der traditionelle Besuch der Aussichtsterrasse des Kulturpalasts, ein „Geschenk“ Stalins an die Polen, das das Zentrum beherrscht und lange wie ein Fremdkörper wirkte. Von hier oben hat man einen Blick auf eine boomende Stadt im Nachbarland, deren Bewohner nach 30 Jahren unaufhörlichen Wachstums zurecht stolz und selbstbewusst nach vorne schauen können. Das gleiche gilt für die Teilnehmer der Fahrt, die sich schon im November zur Rückbegegnung in Deutschland treffen werden.

Kay Tomhave

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